Cloud ist die Digitalisierung der IT

Cloud ist die Digitalisierung der IT

Ich habe technische Informatik studiert. Mein erster Login auf einem großen Solaris-Cluster(!) mit 64 UltraSPARC(!)-Kernen und 128 GB RAM bleibt unvergessen. Wie gut die Solaris Ressourcengruppen funktioniert haben … Uptimes von 2.000 (!) Tagen waren keine Seltenheit. Die Performance von Oracle Enterprise 11 – mit Dataguard UND Real Application Clusters – wir waren sehr stolz auf die tolle Infrastruktur, die Stabilität und den Funktionsumfang, den wir alle gemeinsam aus dieser großartigen Hard- und Software liefern konnten. IT-Handwerk auf höchstem Niveau. Mit viel Handarbeit.

Mittlerweile hat sich das Rad weitergedreht. Als erstes hat uns Virtualisierung von der Hardware entfernt: wir wissen, wie viele virtuelle CPUs, wieviel RAM wie viel Speicher wir allokiert haben, aber nicht so ganz genau, wo das Blech dazu steht. Müssen wir auch nicht – wir sagen der vSphere-Plattform, welche Ressourcen und welche Verfügbarkeit wir brauchen und fertig! Tolle Sache. Wir Software-Leute können ohne die Hardware-Leute arbeiten – was das Zeit und Ärger spart! Rechenzentren, wer will sie wirklich missen?

Ärgerlich war damals auch die Pflege des Betriebssystems: lästige Reboots und Sicherheitslücken inklusive. Wir wollten uns um unsere Anwendung kümmern und keine Systemadmins sein! Containerisierung war da schon besser. Sich nur noch um die Middleware kümmern und um die Anwendung … sehr gut! Wer patcht schon gerne Betriebssysteme?

Das IT-Handwerk ist heute deutlich leichter geworden. Viele nicht wertschaffende Arbeitsschritte sind wegdigitalisiert worden. Wir können uns jetzt den wichtigen Fragestellungen zuwenden: Angriffsvektoren reduzieren, Testqualität steigern, Verwaltung der verschiedenen Umgebungen verbessern.

Wie was – immer noch zu langsam? Immer noch zu teuer? Ja, was sollen wir denn noch tun?

Sind wir mal ehrlich miteinander: wir haben unsere großen monolithischen Architekturen handhabbarer gemacht und so Zeit gewonnen. Aber: wofür setzen wir diese Zeit ein? Eine Steigerung der Testabdeckung in Richtung Continous Deployment wäre möglich. Eventuell zeigen sich aber auch „technische Schulden“, also alte Versäumnisse, die man lieber nicht sehen will … Was haben wir denn nun “digitalisiert”? Haben wir unser Handwerk in die digitale Welt gebracht, oder haben wir Teile unseres Handwerks digitalisiert?

Der obligatorische Autovergleich darf natürlich nicht fehlen: wir können komplexe Abgasnachbehandlung einbauen, Ölwechselintervalle erhöhen, Steuerketten statt Zahnriemen verbauen – oder wir steigen gleich auf extrem wartungsarme Elektroautos um!

Im Kontext IT hieße das: weg von monolithischen Kartenhäusern mit viel Handarbeit – hin zur echten, auf Microservices basierenden Cloud und nicht nur zum Managed Service, nicht nur Infrastructure as a Service (IaaS). Ist das handwerklich spannend? Sicherlich. Natürlich fallen ein paar geliebt-gehasste Aufgaben weg und neue kommen hinzu. Fachlicher wird es zugehen – und agiler. Eine Herausforderung, aber wenn ich dafür weniger von „Frozen Zones“ und Genehmigungsprozessen höre, bin ich gerne dabei.

RefleXionen - die Kolumne über Business, IT, Kunden und alles, was dazwischen passt.

Photo by Marius Masalar on Unsplash

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